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Busseln und Drücken11. Sep. 17:43

Busseln und Drücken

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Corona hat etwas gemacht mit uns. Mit jedem von uns. Jetzt immunisieren wir uns übers Grüßen. Wie man grüßt, sagt auch etwas über die Zeit. Früher tauschten das bürgerlich-katholische und das sozialistische Lager noch die Standes-Botschaft „Grüß Gott“ gegen „Guten Tag“ (nur das uniforme „Mahlzeit“ einte alle Schichten). Heute ist die ausgestreckte Hand mit einem herzhaften „Ich bin zweimal geimpft“ der verbreitetste Gruß (die überzeugten Nichtgeimpften schütteln, umarmen, infizieren ohne Warngruß und Scham). Nein, im Ernst: Die „Pandemie der Ungeimpften“, wie der Kanzler gerne sagt, ist gerade dabei, auch den Alltag der Geimpften zu beeinträchtigen (wetten, die FFP2-Maske, die wieder da ist, war am Ende nur der erste Schritt?) – da dilettieren alle noch in ihrer Unsicherheit, wie mit dem Kontakt zum Anderen umzugehen sei. Eineinhalb Jahre lang wurde den Menschen suggeriert, dass Abstand die neue Nähe ist. Dass Händeschütteln schon in gesunden Zeiten ein Krankmacher war und ab der Zeitrechnung nach Corona auf alle Zeiten verpönt sein müsse. Aber in Wahrheit sucht der Mensch die Nähe abseits der virologisch-akademischen Naseweisheit und war zuletzt froh über ein Stück Normalität. Da fügt sich, dass er mit dem Händeschütteln und Umarmen eh nur dem Aufmerksamkeit heischenden Star-Virologen Christian Drosten folgt: Der sagt, dass die dritte Impfung ein Topfen ist, viel besser und immunisierender sei für Geimpfte, sich absichtlich zu infizieren. Also nur zu: Busselt und drückt Euch, was das Zeug hält! Jetzt, da die Corona-Ampel wieder orange leuchtet („hohes Infektionsrisiko“) und sich die Intensivstationen mit „Hätt-ich-mich-nur-impfen-lassen“-Patienten füllen, brauchen wir ohnehin Halt. Das Grußdilemma ist nur Ausdruck für eine große Unsicherheit: Wir wissen zwar genau, warum wir entweder auf die Impfung setzen oder überzeugt sind, dass man vom Impfen unfruchtbar wird (oder war’s Schwanger-Werden? Und Frage: Lieber 100 Euro für einen gefälschten Impfnachweis zahlen als sich gratis impfen zu lassen, wie intelligent ist das auf einer Skala von 1 bis 10?). Aber wir wissen noch immer so wenig über das Virus und seine/unsere Zukunft. Das führt dazu, dass nahezu alle Menschen verändert sind. Corona-verändert, haben Sie’s nicht auch schon bemerkt? Die einen leicht, die anderen stärker. Die permanente Sorge, der (mediale) Daueralarmismus hat etwas mit uns gemacht. Man kann es beobachten. Bei fast jedem. In der Arbeit und im Privaten. Manche merken es an sich selbst, andere spüren es subkutan. Schwindender Frohsinn da, freigelegte Ängste dort, Unrundsein, Pfeifdrauf-Denken, Nervosität, Fremdeln, Egoismus, Depression – die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vor dem Virus. Die kleine Welt des Einzelnen auch nicht. Die alte wieder grüßen, das wär’ was. Einstweilen suchen wir Trost im Grüßen.
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