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11. Jun. 18:00

"Cancel culture": Karajan weg, James Bond pfui

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Man kann Geschichte schon neu einordnen; aber die moralische Selbstüberhöhung der Ordner ist unerträglich In Salzburg könnte bald das Wort Karajan aus dem Straßenbild verschwinden: Derzeit steht die NS-Nähe des Weltdirigenten und weiterer Namenspaten auf dem Prüfstand der Stadt. Im Magdalen-College der Universität von Oxford drängen die Studenten auf das Abhängen eines Porträts der Queen: Elizabeth II. sei untrennbar mit dem Kolonialismus des Empire verbunden. Und in den USA stürzen Columbus-Statuen in Serie, weil der Entdecker der Anfang vom Ende der indigenen Bevölkerung auf dem Kontinent gewesen sei. „Cancel culture“ ist der Begriff für diesen Bilder-, Statuen und Namenssturm – eine Geschichtstilgung im Namen des Guten. Den Gestürzten ist gemein: Sie haben mit Verbrechern sympathisiert oder, mit der „Weisheit der späten Geburt“ besehen, Verwerfliches getan/Verbrechen begangen. Die Diskussion ist grundsätzlich legitim – man beließe, krassestes Beispiel, auch keine Hitler-Statue an ihrem Platz. Der Vergleich hinkt aber in fast jedem Fall. Vor allem wirft die Debatte viele Fragen auf: Löscht man die Erinnerung an ehemalige Helden aus, indem man ihre Denkmäler kippt, oder ordnet man sie mit Erklärtafeln ein (in Salzburg wird gerade zwischen den ein bisserl Bösen und den ganz Bösen unterschieden)? Wer ist die Instanz, die entscheidet, ob ein früher Großer heute ein Geächteter ist? Und geht es auch umgekehrt – wie bei Arnold Schwarzenegger, dem sie einst wegen der Todesstrafe in seinem Kalifornien das Grazer Stadion wegnahmen, und heute kriechen ihm Politiker, die sich in seinem Glanz sonnen wollen, hintennach? Gelten Verdienste trotz Fehlern nichts? Die Jahrhundert-Hinterlassenschaft eines Herbert von Karajan? Winston Churchills Kampf gegen die Nazis (jetzt schmieren sie „Rassist“ an seine Statuen)? Die Errungenschaften eines Karl Lueger für Wien und eines Karl Renner für Österreich – der eine ist wegen Antisemitismus in Verschiss, der andere wegen Anschlussfreude erstaunlicherweise nicht. Was kommt noch? Muss man Karl May unter der Decke lesen, weil er dämonisierende Indianergeschichten erfand? Kommen alte James Bond-Filme wegen Sexismus auf den Index (wie schrieb eine Kritikerin im Nachruf auf Sean Connery: „Aber geil war’s doch“)? Werden bald Carl Benz und James Watt vom Sockel gestürzt, weil sie mit Automobil und Dampfmaschine den Weg ins Klima-Unglück legten? Geschichte liest sich im Laufe der Zeit anders. Man kann sie immer wieder neu (ein)ordnen – mit all den genannten Stolperschwellen. Nur das apodiktische „Kopf ab“, im übertragenen Sinn, ist unerträglich. Denn dass die Welt immer schon eine bessere gewesen wäre, hätten nur die, die heute den moralischen Zeigefinger erheben, das Sagen gehabt, ist eine penetrante Selbstüberschätzung.
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