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1. Mai. 6:00

„Die Arbeit hoch“

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Durch die Pandemie ist vielen erst wieder der Wert der Arbeit (und auch der Schule!) bewusst geworden „Die Arbeit, sie bewegt die Welt“ heißt es im „Lied der Arbeit“, das stolze Sozialdemokraten traditionell am 1. Mai intonierten – als das Singen noch Gemeinschaftsgefühl und keine Cluster bedeutete. Geschrieben 1867 von einem Graveur-Gesellen in einer Zeit der erstarkenden Arbeiterbewegung. Es weckt Assoziationen an das „rote Wien“ der 1920er-Jahre mit all seinen sozialen Errungenschaften und den zentralen Werten: Arbeit und Bildung. Ketzerische Frage: Haben wir von diesem Ethos nicht viel verloren – und Nicht-Arbeit zum erstrebenswerten Ziel gemacht? Vielleicht ist vielen erst durch die Pandemie wieder der Wert der Arbeit (und auch der Schule!) bewusst geworden. Es ist großartig, einer im besten Fall sinnstiftenden Arbeit nachgehen zu dürfen. Zur Menschenwürde zählt (selbstbestimmte) Arbeit, da waren sich die Sozialdemokraten jahrzehntelang sicher. Arbeit und gerechter Lohn, das wurde am 1. Mai gefeiert. Der Kampf für eine egalitäre Gesellschaft war erfolgreich. Die Gesundheitskrise hat zu einer halben Million Arbeitsloser geführt, noch einmal so viele waren/sind in Kurzarbeit. Über vielen schwebt das Damoklesschwert, nicht in die alte Normalität zurückkehren zu können. Gleichzeitig müssen wohl etliche erst wieder motiviert werden, einem Ganztagsjob nachzugehen. Schon vor der Pandemie klaffte bei manchen Einstellungsgesprächen eine Kluft zwischen Ansprüchen und Einsatzbereitschaft. Wochenend- oder gar Nachtarbeit? Nein danke, und den Freitag bitte frei. Anstrengender Job? Flucht in die Bildungskarenz. Natürlich versuchen heute noch manche Unternehmen, ihre Mitarbeiter/innen auszubeuten. Sie werden damit so und so keinen Erfolg haben. Aber umgekehrt gibt es auch in Teilen der Arbeitnehmerschaft eine Erosion des Leistungsbewusstseins. Gepaart mit zunehmenden Bildungsdefiziten ist das eine gefährliche Mischung für den noch immer ausgezeichneten Wirtschaftsstandort. Dazu gesellt sich Fachkräftemangel. Bau, Spitäler, Tourismus, Altenpflege, Reinigungsbranche würden ohne Einpendler zusammenbrechen. Angesichts der hohen Arbeitslosenzahl ist das nicht mehr logisch. Es braucht schon länger ein paar Reformen, die jetzt noch dringender sind: Ältere Arbeitnehmer sollen leichter wieder einen Job finden, dafür müssen aber das Senioritätsprinzip (Alter bedeutet automatisch mehr Gehalt) und Kündigungsbestimmungen etwas gelockert werden. Die Steuer- und Abgabenlast auf Löhne ist zu hoch, und längeres Arbeiten müsste sich deutlicher auf die Pensionshöhe auswirken. „Work-Life-Balance“ ist allen wichtig, aber ist das wirklich ein Gegensatz und sollte es nicht besser „Work-Family-Balance“ heißen? Vielleicht ist der Refrain „Die Arbeit hoch!“ doch gar nicht so antiquiert, wie er in den vergangenen Jahren in unseren Ohren klang.
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