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20. Feb. 6:00

Mein wichtigster Lehrer war Thomas Bernhard

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"ÜberLeben": Ich habe die Schulzeit mit Lesen verbracht - unterm Schreibtisch. Dieser Tage bekam ich ein sehr nettes Mail von meiner ehemaligen Französischlehrerin. Sie schreibt, sie erinnere sich an „einen temperamentvollen Revoluzzer mit enormer Musikalität und einem riesigen Sprachtalent“. Und ich gebe zu, ich las diese sehr schmeichelhafte Charakterisierung überaus gerne. Auch wenn sie natürlich nicht stimmt: Ich war eher eine verängstigt um sich schlagende Krätzen, welche die Schule und die Welt der Erwachsenen abgrundtief gehasst hat. Und mein Sprachtalent beschränkte sich auf Deutsch, für Fremdsprachen fehlt mir jedes Gefühl, Französisch blieb mir vier Jahre lang fremd. Aber immerhin lernte ich durch meine Lehrerin – eine überaus nette, engagierte Frau – den brillanten Musiker Serge Gainsbourg kennen, der mein Leben bis heute bereichert. Man kann in der Schule also auch etwas Sinnvolles lernen. In Wahrheit habe ich meine Oberstufen-Zeit in erster Linie damit verbracht, Thomas Bernhard zu lesen, das Buch gut unter dem Schreibtisch versteckt. Ein anderer ehemaliger Lehrer schrieb mir einmal: „Vielleicht erinnern Sie sich an mich, ich war der, der versucht hat, Sie mit seinem Philosophie-Unterricht nicht beim Thomas-Bernhard-Lesen zu stören.“ Auf Bernhard hat mich  meine Großmutter gebracht. Ausgerechnet sie, die einmal Herrn Hitler verehrt hatte und später Herrn Haider zugetan war, las mit  Begeisterung Thomas Bernhard. Ich glaube, sie ließ sich gerne von Bernhard als Nazi bezeichnen, vielleicht war das eine Art Buße für sie. Und immer, wenn sie ein Buch fertig gelesen hatte, schenkte sie es mir, und ich las es in der Schule. Ich behaupte, ich habe durch das Lesen dieses einzigartigen  Autors mehr über das Leben, über die Sprache, über Österreich und über das Wesen der Satire gelernt als in zwölf Schuljahren. Am 9. Februar wäre Thomas Bernhard 90 Jahre alt geworden. Er war mein wichtigster Lehrer, und ich werde ihm das nie vergessen.
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